Stadtherz

Meine Augen waren zu doch war ich wach. Dort wo ich in den NĂ€chten war, habe ich alles gehört, was man sonst nicht hört wenn man schlĂ€ft. Captain Hooks Eisenklaue zeichnete gerĂ€uschvoll Yantras in Dielenböden. Geister spukten sonorisch in Sprachen, die mir fremd waren. Ich war so wenig lebendig, dass der Nachtmahr sein Ohr ganz dicht an meinen Mund hielt, um zu ĂŒberprĂŒfen, ob ich ĂŒberhaut noch atmete. Und als ich die Augen öffnete und aus dem Fenster sah, wusste ich nicht, ob das dahinten ein Sonnenaufgang sein sollte, oder nur der Lichtnebel einer mĂŒden Stadt. Zu Tage schwamm mein Gehirn in Alkohol. Ich aß zwar, doch wusste nicht, wann ich das letzte mal Hunger hatte. Ich wusste nicht, wann ich das letzte mal geschlafen hatte, oder wann ich das letzte mal wach war. Ich machte alle paar Stunden fĂŒr ein paar Stunden die Augen zu und machte sie alle paar Stunden fĂŒr ein paar Stunden wieder auf. Mein Körper erholte sich so nicht, aber das war der Schlafrhythmus meiner Traurigkeit.

Wenn man endlich einen Therapieplatz hat und auf den ersten Termin wartet, dann klammert man sich an diesen Tag. Das gibt einem Hoffnung, man hat ein Ziel vor Augen. Dann kommt der Tag, an dem du zu diesem Termin gehst und stellst danach fest, dass es dir ja ĂŒberhaupt nicht besser geht. Sogar im Gegenteil, dass so ein GesprĂ€ch eben nichts weiter ist, als ein GesprĂ€ch und eigentlich nur alles aufwĂŒhlt. Als hĂ€tte man nicht schon vorher gewusst, dass Therapie mit Zeit verbunden ist. Aber der Termin war eben der einzige Anlass fĂŒr dich, um Hoffnung zusammenzukratzen. Wie schaffst du es jetzt zum zweiten Termin zu gehen?

Mein Herz ist eine mĂŒde Stadt. Dahinter geht niemals die Sonne auf.

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14 Gedanken zu „Stadtherz

  1. westendstorie

    Gott was fĂŒr SĂ€tze 💜

    Weißt du, S. errechneter Geburtstermin war der 10.10. Monate lang war mir klar, am 10 kommt mein Baby. Dann war der 10.10 und nichts. Kein Baby kam. Ich war so enttĂ€uscht und irgendwie auch geschockt. Ein paar Tage spĂ€ter war es dann so weit.
    Hab Geduld mit dir. Es braucht ein wenig Zeit Auch wenn es toll wĂ€re, dass VerĂ€nderungen klack Mal eben erhĂ€ltlich wĂ€ren, wie ne Dose Cola am Automaten. Ein Euro einwerfen, Taste sieben drĂŒcken und schon ein gewĂŒnschtes Ergebnis 🧚🧚🧚

    GefÀllt 2 Personen

    Antwort
  2. inaignorance

    „Jeder Meter ein Fortschritt,
    jeder Weg eine Chance.
    Die Angst und die Hoffnung,
    halten die Balance.
    Du hast so laut geschrien doch,
    sie hörten nicht zu.
    Wenn keiner an dich glaubt dann,
    wenigstens du.
    …“ ❀

    GefÀllt 3 Personen

    Antwort
  3. dermitdermuetze

    Sei gegrĂŒĂŸt

    Der Weg in die Therapie ist eine Entscheidung, die aus einem selbst kommt. Wie es sich anfĂŒhlt, wenn der Tag der da ist, kommt dem GefĂŒhl der Entscheidung meistens nicht gleich. Weil die Entscheidung nur der Anfang ist. Alles was danach kommt ist Arbeit. Die Arbeit an-, in- und fĂŒr Dich! Die negativen GefĂŒhle sind Teil dieser Arbeit. Sie zeigen Dir, wie sehr Du Dich bisher vernachlĂ€ssigt hast.
    Es wird milder und Freude, Liebe und GlĂŒck werden Deine neuen Freunde sein.
    Gib bitte bitte niemals auf.
    Gib bitte DICH niemals auf

    Sei lieb gegrĂŒĂŸt Christian

    GefÀllt mir

    Antwort

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