The axiom of equality

Kann ein Mensch einem wichtig sein, ohne dass man ihm vertraut? Kann einem ein Mensch egal sein, wenn man ihm vertraut? Wie oft kann dieselbe Sache einem das Herz brechen? Wie oft muss einem dieselbe Sache das Herz brechen?
Damit es nicht mehr wehtut.
Kann einem etwas überhaupt nicht mehr wehtun, solange man sich an einen Schmerz erinnert? Baut alles Leid, das einem widerfährt tatsächlich nur auf Erinnerungen auf? Ginge es einem besser, wenn man einfach nur vergessen würde? Wenn nein, warum nicht? Welches entscheidende Detail übersehe ich als Alchemist in meiner selfmade Therapie, mit der ich mich von jeglichem Schmerz lossagen möchte?
Viel zu oft fange ich zu hassen an, was ich eigentlich liebe. Ich suche mir Freunde in Büchern und selbst deren Anwesenheit ertrage ich nicht. Ich traue mich ja nicht mal eine imaginäre Person zu lieben, obwohl sie gute Freunde sind, weil sie eine bedingungslose und höflich distanzierte Bindung mit mir eingehen. Manchmal meide ich Musik und Sonne, weil ich mich für meine eigene Ausgelassenheit schäme und andererseits lache ich nur, weil es ein Ausdruck ist, der zufrieden stellt und niemanden dazu ermuntert, mich mit blöden Fragen zu bombardieren. So befindet sich meine Stimmung für Außenstehende immer in einer gesunden Balance, obwohl selten eine Emotion echt ist. Doch so fühle ich mich am wohlsten, obwohl es aufs gleiche hinaus käme, wenn ich es einfach umgekehrt machen würde; nicht ausgelassen sein, wenn mir danach ist, und lachen, wenn ich es will. Aber einzig und allein die Tatsache, dass ich die meisten Emotionen nicht emotional, sondern kontrolliert zur Schau stelle, ist meine Demut. Meine Buße. Meine Entschuldigung fürs Leben, das mich ertragen muss. Mit all meiner Wut. Wobei genau genommen nicht mal sie wirklich echt ist.

Viel zu oft entscheide ich mich für Wut, anstatt für Trauer, weil sie so viel erträglicher ist. Sie fühlt sich stark an, als würde man wirklich gegen die Dämonen seiner Vergangenheit ankämpfen, aber wenn man mal ehrlich ist dann beschwört man sie doch nur herauf, damit die Trauer in den Hintergrund rückt. Es ist einfacher, als das Weinen, weil es einem viel zu viel Energie raubt, es zu unterdrücken.

Das Gleichheitsaxiom postuliert, dass x immer x entspricht: Es geht davon aus, dass ein gedankliches Konstrukt mit Namen x mit sich selbst stets gleichwertig sein muss, dass es eine Eindeutigkeit besitzt, eine Unreduzierbarkeit, die uns folgern lässt, dass es in absoluter, unveränderlicher Weise gleichwertig mit sich selbst ist, seine Elementarität unumstößlich ist. Immer, absolut, unveränderlich. Nicht jedem gefiel das Gleichheitsaxiom, aber er hatte es immer dafür geschätzt, dass es so schwer zu fassen war, dass die Schönheit der Gleichung an sich von jedem Versuch, sie zu beweisen, nur geschmälert wurde. Es war ein Axiom, das einen verrückt machen, das einen verzehren, das mit Leichtigkeit zu einem ganzen Leben heranwachsen konnte.

Doch nun weiß er mit Bestimmtheit, wie wahr das Axiom ist, weil er es mit seinem eigenem Leben bewiesen hat. Der Mensch, der ich war, wird immer der Mensch sein, der ich bin, begreift er. Der Kontext mag ein anderer sein: Er mag in dieser Wohnung leben, und er mag einen Beruf ausüben, der ihm Freude bereitet und in dem er gut verdient, und er mag Eltern und Freunde haben, die er liebt. Er mag respektiert sein; im Gerichtssaal mag er sogar gefürchtet sein. Doch im Grunde ist er derselbe Mensch, ein Mensch, der in anderen Abscheu hervorruft, ein Mensch, der existiert, um gehasst zu werden.

– Hanya Yanagihara

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s