Die Beerdigung der Zeit

Das ist der farbenprächtigste Winter in der dunkelsten Nacht. Das ist die wärmste Dunkelheit, die ich zu einem Seelenherbst je gesehen habe.
So schön bin ich noch nie gestorben.

Der Himmel ist königsblau. Lichter fließen durch Straßen, deren Asphalt von orangefarbenem Laub bedeckt ist. Zum ersten mal seit Jahren sind tote Blätter um diese Zeit nicht dunkel und matschig, sondern hell und zu Goldpigmenten zerfallen. Es ist warm, wir werfen uns in einen Mantel aus Sternstaub, ich bin eine Sternschnuppe, ein Wunsch der von dir durch die Stadt getragen wird. Ampelfarben beleuchten bunte Graffitiwalls, Lichter scheinen aus backsteinroten Tunneln heraus, über die langsam die Züge ruckeln. Die letzten grünen dichten Bäume werden Stolz von Straßenlaternen erhellt, Bartüren und Wohnfenster stehen sperrangelweit offen. Niemand fürchtet sich an diesem Montag, weil heute die Beerdigung der Zeit ist. Irgendwo lachen Menschen. Vielleicht bin das sogar ich, denn mein Herz hat schon lange nicht mehr so für das Leben geglüht wie heute.

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Mein Herz, du musst überhaupt nichts.

Wo die Liebe hinfällt, sagen sie. Aber Negatives darf ich nicht einfach so fühlen? Darf mein Hass nicht auf mir landen? Warum muss ich Liebe nicht kontrollieren können, aber alle anderen Gefühle? Du bist für dein eigenes Glück verantwortlich, sagen sie. Take control over your happiness. Ich soll dich lieben dürfen, aber ich darf mich nicht dafür hassen? Wenn ich mein Herz nicht kontrollieren kann, dann auch nicht jede andere Emotion, die ihm innewohnt. Lebe den Moment, sagen sie.
Vielleicht ist das gar keine Liebe, vielleicht brauche ich nur jemanden, der mich mehr liebt, als ich mich hasse. Da sind so viele Menschen, aber ich connecte mit niemandem. Ich verstecke mich in den Ideen, die ich für euch bin. Wenn ich jemanden umarme, dann nicht mehr aus Zuneigung, sondern weil ich mir ein Stück Nähe klauen will. Ich hoffe immer, es sieht nicht nach Gebettel aus. Ich kann meinem Körper nicht dafür danken, dass er gesund ist, obwohl ich mich darüber freuen sollte. Jedes Lächeln nach außen ist eine Entschuldigung dafür, dass du mich ertragen musst.

Und jetzt hasse ich mich aus tiefstem obstinaten Herzen heraus und ich möchte ein einziges mal hören, dass das okay ist. Für einen einzigen Moment meines noch viel zu langen Lebens. Mein Herz, du musst überhaupt nichts.

And all I loved, I loved alone.

Ich frage mich manchmal, wo du herkommst. Ich befürchte fast, du wurdest hinter dem Universum geboren, denn du bist so merkwürdig, du bist mir nicht mal mehr fremd, und so unerwünscht, ich wünsche dich mindestens hinter die schwarze Materie auf die andere Seite des Weltalls. Immer wenn ich voller Leben bin, dann wringst du mich aus. Wegen dir darf mein Herz Nachts nicht offen sein. Du wirfst mich wie einen Stein auf die offene See hinaus und du besuchst mich am Meeresgrund. Aber du bist da und ich liebe dich wie einen Freund. And all I loved, I loved alone.


Habt ihr Netflixserien- oder Netflixfilmempfehlungen für mich? Bitte nur Geheimtipps, ich kenne die bekannten schon. 😀 Einfach in die Kommentare oder übers Kontaktformular. 🙂

50% Leben

Wenn jeder den Wert kennt, aber nicht den Preis den es gekostet hat. Wenn du nicht mehr sagen kannst, ob die Fußabdrücke auf deinem Herzen Fußspuren sind, oder der Nachhall von Fußtritten. Ob das Fahrtwind ist, oder freier Fall. Dann schreibst du einen Namen auf die Kugel, damit jeder weiß, wer dir als letztes durch den Kopf ging. Du schreibst einen Namen auf das Tuch, damit jeder weiß, wer dir die Luft zum Atmen nahm. Du schreibst einen Namen mit Blut auf die Wand, damit jeder weiß, wer dir das Leben ausgesaugt hat. Es gibt so viele Arten, auf die man sterben kann, aber das Jahr stirbt seit Anbeginn der Zeit immer wieder gleich. Und während ich daran denke, fährt eine Frau auf einem Fahrrad an mir vorbei und singt. Ich finde, Menschen singen zu wenig. Vielleicht gehöre ich bloß zu den wenigen, die solche Momente auch außerhalb von Hollywoodfilmen zaubrisch finden. Eigentlich verstehe ich kaum die Hälfte vom Leben. Eigentlich noch viel weniger. Denn wenn ich sage, ich verstehe nur die Hälfte des Lebens, dann nur deshalb, weil mein Leben zu 50% aus Trauer besteht. Das hört sich nach dem depressivsten Satz an, den ich seit Monaten formuliert habe, aber das stimmt nicht, wenn traurig die Superlative von meinem gut ist.
Und dann gibt es Menschen, die einen Namen singen, während sie auf dem Fahrrad sitzen. Menschen springen sogar aus Flugzeugen, weil sie sich lebendig und nicht tot fühlen wollen. Ist das zu fassen?
Es gibt sehr viele Arten, auf die man Leben kann, ich verstehe sie nur alle nicht.

Fall

Wie kann ein Mensch nur so viel fühlen, obwohl er nur halb lebendig ist? Ich will Trübsalblasen zerplatzen. Ich will keine Fassade so weich wie eine Muschelschale, und wenn doch, dann soll darunter wenigstens etwas Glitzern. Ich will glitzern. Ich will mich nicht mehr in der Hölle wärmen und an der Liebe verbrennen. Ich will mich retten. Wollen. Ich rieche die Vergangenheit in den Jahreszeiten. Ich falle jede Nacht durch den Meridian und flashbacke mich einsam. Dann geht die Sonne auf und lässt mein Herz in Flammen stehen. Also lache ich mich kalt. Und weine mich anschließend müde. Ich sehe mich satt und esse mich auf. Vielleicht bin ich noch nicht gestorben, aber ich habe mich schon viele Male begraben.

Hab ich eigentlich als letzter mitbekommen, dass Eminem von Machine Gun Kelly gedisst wurde? Haha.